Der ewige „Kampf“ zwischen NMS und AHS

Er ist den Nachrichten des staatlichen Rundfunks in letzter Zeit öfter eine Meldung wert: der vermehrte Schüler*innenstrom aus den Volksschulen in die Allgemeinbildenden Höheren Schulen vulgo Gymnasien.

Aufruhr und Vorurteile

In den Lehrerzimmern der (gerade noch Neuen) Mittelschulen im ländlichen Bereich kann man, ausgelöst durch diese Entwicklung, nicht selten Prognosen einer bevorstehenden Apokalypse vernehmen. Die Mittelschule werde sterben, hört man da. Oder mindestens so schlimm: zur Restschule verkommen. In den Städten sei es schon so weit, dort könne man ja nicht mehr vernünftig arbeiten, es herrsche Sodom und Gomorra, entmenschte Bestien in Kindergestalt machten ein sinnvolles Unterrichten unmöglich, Tätlichkeiten verbaler und körperlicher Art lägen andauernd in der verpesteten Luft und demotivierte, ausgebrannte Pädagog*innen schlurften dort perspektivlos durch devastierte Schulgänge. Gehört hat man das meistens vom Schwager des Neffen der Nichte der Fußpflegerin, die einen großstädtischen Lehrer im Bekanntenkreis hat.

Ein Trend und seine Folgen

Nun gut. Die Grundüberlegung ist ja nicht falsch.

Natürlich sorgt es nicht gerade für Ruhe und ein angenehmes Klima, dass es für dasselbe schulpflichtige Alterssegment und im selben Einzugsgebiet grundsätzlich verschiedene Schultypen gibt.

Noch dazu, wenn einer der beiden vorgibt, hochwertiger als der andere zu sein, den Kindern größere Chancen zu eröffnen. Abgesehen davon, dass diese Annahme Unfug ist, kann jener Zustand auf Dauer nicht gutgehen.

Angestrengt versuchen deshalb sogenannte Bildungsexperten – merkwürdigerweise sind das fast immer Männer, obwohl Frauen im Bildungsbereich sonst geradezu überrepräsentiert sind –, diesen Strom in wunschgemäß regulierte Betten zu leiten. Oder aber sie sehen das ganze rein wissenschaftlich und schütteln lediglich ob der Entwicklungen sorgenvoll ihre weisen Häupter.

Trotzdem wechseln mehr Kinder als je zuvor von der Volksschule in die AHS. Die ehemalige Hauptschule (also die nunmehrige Mittelschule) verzeichnet einen anteiligen Tiefstand wie zuletzt etwa zu meiner Geburt – und ich habe das halbe Jahrhundert bereits deutlich überschritten.

Somit liegt es offenbar wirklich auf der Hand: Das Ende der gewohnten Schullandschaft Österreichs ist nah. Wir werden alle den qualvollen Tod des nicht mehr länger gebrauchten Mittelschulpädagogen sterben! Panik!

Kein Schatten ohne Licht

Wenn man sich allerdings vor Augen hält, wie das Pro-Kopf-Verhältnis zwischen Lehrenden und Zu-Belehrenden aussieht, dann sinkt der Adrenalinspiegel für gewöhnlich wieder relativ schnell: Bereits heute sind in weiten Bereichen Lehrer-Überstunden unvermeidlich, da sonst der Unterrichtsbetrieb nicht aufrechterhalten werden könnte. So fallen jedes Schuljahr laut einer parlamentarischen Anfragebeantwortung aus dem Jahr 2017 etwa fünf Millionen bezahlte Überstunden (auf Beamtendeutsch „Mehrdienstleistungen“) an. Dass im Pflichtschulbereich jede Lehrkraft 20 Überstunden pro Jahr unentgeltlich halten muss, ist in dieser Rechnung gar nicht berücksichtigt.

Außerdem werden nicht wenige Stunden von (noch) nicht ausgebildeten Lehrer*innen gehalten. Das sind beispielsweise Student*innen, die vor Abschluss der Lehrbefähigung stehen. Sie werden mit Sonderverträgen angestellt und schließen ihr Lehramtsstudium neben der Arbeit an den Schulen ab.

Sonderverträge erhalten darüber hinaus auch Quereinsteiger*innen. Das können zum Beispiel Absolvent*innen eines inhaltlich ähnlichen Studiums sein – etwa ein Techniker, der an einer HTL zum Einsatz kommt, oder eine Sportwissenschaftlerin, die sich plötzlich in einem Schulturnsaal wiederfindet. Allein im Pflichtschulbereich unterrichten derzeit etwa 2000 (!) Personen mit Sonderverträgen.

Nein, um die Arbeitsstelle per se muss sich kein*e Kolleg*in im Mittelschulbereich sorgen, das ist klar.

Die bange Frage lautet allerdings: Wie sehen zukünftig die Bedingungen an meinem Arbeitsplatz aus? Kann ich noch Wissen vermitteln oder nur mehr beaufsichtigen? Werde ich vor Herausforderungen gestellt, die neu für mich sind?

Lehrerleben reloaded

Zumindest die letzte dieser Fragen wird über kurz oder lang mit ja beantwortet werden müssen. Und das ist gut so.

Wirklich, das meine ich durchaus ernst.

Meiner Meinung nach ist nämlich das Schlimmste, was einer Lehrerin oder einem Lehrer passieren kann, dass ihr oder sein Unterricht zur Routine verkommt, dass sie oder er bereits alles kennt, was sie oder ihn in der Arbeit erwartet.

Wenn man keine Notwendigkeit mehr sieht dazuzulernen, wird der Beruf zum Job.

In der Arbeit mit Kindern muss man ein Leben lang wachsen, man muss von Tag zu Tag besser werden – und das kann nur in der Auseinandersetzung mit neuen Herausforderungen geschehen. Wenn diese Herausforderungen darin bestehen, dass man es mit schwierigeren Schüler*innen zu tun hat, dann ist das mit Sicherheit unbequem, fordernd, anstrengend. Dann muss der fette Hintern vom gepolsterten Lehrersessel der Selbstsicherheit hoch, dann muss man sich einfach wieder mehr Gedanken machen um das, was man tut. Man muss sein Verhalten und seine Methoden reflektieren, seinen Horizont erweitern, wachsen.

Kein*e Lehrer*in hat das Recht, sich auf gut eingesessenen Lorbeeren auszuruhen. Die Kinder, die uns anvertraut werden, haben wir so weit wie möglich zu unterstützen. Wir haben sie zu fördern, ihnen Perspektiven aufzuzeigen und für sie da zu sein.

Und ja, manche von ihnen machen uns das schwer. Manche auch unmöglich.

Es jedoch nicht mit allen Mitteln zu versuchen, hieße, den falschen Beruf gewählt zu haben.

Ganz sicher.

Der Autor ist Lehrer an einer NMS in Niederösterreich.

 

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