„Ich bin dumm“ – Warum wir eine gemeinsame Unterstufe brauchen

Gedanken über das System an sich.
Ein ganz normaler Dienstag, eine ganz normale Mathematikstunde in einer vierten Klasse. Dem Diktat des Lehrplans folgend, widme ich mich den Verhältnisgleichungen. Ich versuche das Wort Verhältnis anhand anderer Verhältnisse zu verdeutlichen, wie zum Beispiel des Torverhältnisses oder des Mischungsverhältnisses von Himbeersirup. Ein Blick in die Augen der Schüler*innen lässt mich erahnen, dass meine Botschaft angekommen ist.

2:3=x:6 schreibe ich an die Tafel, direkt unter die Überschrift Verhältnisgleichungen. Ich habe mich noch nicht wieder umgedreht, da werden erste Stimmen laut.

„Hää?“ „Was?“ „Ich versteh das nicht!“ „Also, wie jetzt?“

„Frau L., Sie wissen, dass ich Gleichungen hasse und noch nie gekonnt habe“, stellt ein Mädchen fest und legt ihren Kugelschreiber weg. „Das liegt bei uns in der Familie. Mein Bruder hat das auch nie verstanden.“

Die aufkommenden Widerstände versuche ich so weit es geht hinzunehmen. Ich kenne meine Klasse seit fast vier Jahren. Neues hat sie immer schon verunsichert, macht ihnen Angst. Angst vorm Nichtverstehen und damit verbundene Angst vorm Scheitern. Es macht auch nur wenig Sinn, wenn ich beruhigend auf sie einwirke und sage, dass das alles ja gar nicht so schwer ist. Weil das eben meine Sicht der Dinge ist. Ich unterrichte dieses Thema seit 25 Jahren. Wäre blöd, wenn es mir nicht leicht fiele. Ich wende mich wieder der Tafel zu, male rote und grüne Pfeile. Außenglieder mal Außenglieder ist gleich Innenglieder mal Innenglieder schreibe ich.

Die Protestrufe ebben nicht ab. Das konstante Gemurmel bleibt bestehen. „Ich kann das nicht!“, ruft ein anderes Mädchen laut. „Weil du dumm bist“, antwortet ein Junge. „Ich weiß eh, dass ich dumm bin.“ „Ich auch!“, ruft noch eine Stimme.

„Wir sind zu dumm, Frau L. Das wissen Sie doch ohnehin.“

Dumm sein! Damit beschäftige ich mich seit Wochen. Diese inflationäre Bedienung des besagten Wortes nimmt kein Ende. Es hilft auch nicht viel, wenn ich dem entgegensetze, dass das nicht der Fall ist.

Mir reicht es. Ich ziehe den Sessel, der vor meinem Tisch steht, in die Mitte der Klasse und setzte mich nieder. Mittlerweile sind einige Schüler*innen dazu übergegangen, sich die eigene Dummheit in Bezug auf Deutsch, Mathe und Englisch zu bestätigen. Ich warte ab. In einer kurzen Pause stelle ich die Frage aller Fragen.

„Warum zum Teufel noch einmal glaubt ihr, dass ihr dumm seid?“, will ich wissen.

Das kurze Schweigen unterbricht eine Schülerin. „Frau L., das fragen Sie uns wirklich. Das wissen Sie eh. Wir gehen in diese Schule. Wir können nur dumm sein.“ Das sitzt. „Wie? Was meinst du mit dieser Schule?“, hake ich nach. „Na ja. NMS und Brennpunktschule. Ist doch logisch oder?“

AHS vs. NMS

So sieht es also aus. Schlagzeilen der letzten Wochen fallen mir ein. Nur die Besten sollen in die AHS gehen, der Rest in die NMS. Feststellung der AHS-Reife schon in der dritten Schulstufe. Nur wer ein makelloses Zeugnis hat, wird aufgenommen. Lernerfolg an Brennpunktschulen nimmt ab. Kulturkampf im Klassenzimmer der Brennpunktschulen.

In der Volksschule nehmen Überlegungen bezüglich AHS oder NMS immer früher mehr Raum ein. Eltern, Kinder und Lehrer*innen müssen sich notgedrungen damit auseinandersetzen. Selbst wenn niemand explizit betont, dass der Besuch der AHS nur bestimmten Kindern möglich ist, wissen alle Kinder, wer lauter Einser hat, darf ins Gymnasium.

Denn, wer lauter Einser hat, ist klug. Wer Dreier und Vierer im Zeugnis hat, ist eben zu dumm.

Leider ist die Betrachtungsweise einiger Kolleg*innen eine ähnliche. Als ich einer Veranstaltung beiwohne, im Zuge derer Kinder aus den umliegenden Volksschulen das Rahmenprogramm gestalten, höre ich wie im Kreise der Zuseher*innen Überlegungen angestellt werden, wer denn von den Kids auf der Bühne ganz sicher nicht im Herbst an unserer Schule sein wird. Es entzieht sich zwar meiner Kenntnis, wie man das auf den ersten Blick gleich erkennt, aber egal.

Ich wiederhole. Kluge Kinder gehen in die AHS, der Rest in die NMS: Das wird 10jährigen Jungen und Mädchen getriggert. In weiterer Konsequenz starten viele mit genau diesem Gefühl in die Sekundarstufe. Fakt ist, das tut weder jenen gut, die in der AHS sitzen, noch jenen, die die NMS besuchen.

Die Lösung des Problems wäre denkbar einfach. Wir brauchen eine gemeinsame Unterstufe, eine Schule für alle 10 bis 14jährigen. Klar, ich würde auch gerne die Zensuren abschaffen. Spielt es aber nicht, genauso wenig wie eine gemeinsame Unterstufe.

Was bleibt uns also?

Zum einem ist es unsere Verantwortung Kindern und Jugendlichen klar zu machen, in Worten und mit Hilfe unserer Haltung, dass sie eben nicht der Rest sind. Dass ihre vermeintliche Dummheit Schwächen in Bezug auf Mathematik, Deutsch und andere Fächer sind. Dass es kein Makel ist eine NMS zu besuchen. Und das müssen wir ehrlich meinen. Die Kinder müssen das spüren. Das heißt, dass ich als Lehrerin nicht davon ausgehe den Rest zu unterrichten, sondern jene Kinder, die eben noch Zeit brauchen. Und zum anderen dürfen wir nicht müde werden, uns für eine gemeinsame Unterstufe einzusetzen.

Ein letztes Zitat möchte ich noch loswerden. Als ich mit einer Klasse bei einer Musical-Aufführung in einem Gymnasium bin, flüstert mir einer meiner Schüler zu:

„Frau L., hier sind nur wahnsinnig kluge Kinder. Die spielen sogar Geige.“

Die Autorin ist Lehrerin an einer NMS in Wien.

 

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2 Kommentare zu „„Ich bin dumm“ – Warum wir eine gemeinsame Unterstufe brauchen

  1. Frau L. Habe Ihren Bericht aufmerksam gelesen ( bin über den Standard Artikel vom 13.Mai auf diese Seite gekommen ). Als lang dienender Schulpsychologe und Beratungslehrer meine ich , solche Erfahrungsberichte müssen in Kommunikationsforen etwa wie u.a. Balintgruppen oder mittels Psychodrama nachbearbeitet werden. Ansonsten geht das Wessentliche verloren und wir bleiben als pädagogische Einzelkämpfer im Abseits stehen. Trotzdem vielen Dank für diese offenen Worte bzw. Zeilen….

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  2. Gerade bei den Gleichungen ist es notwendig, dass Lehrpersonen von Anfang an die häufigen Verständnisschwierigkeiten und -lücken kennen (unbedingt beginnend bei den Platzhalteraufgaben aus der Volksschule) und von der ersten Klasse an den Unterricht wohldurchdacht kindgerecht aufbauen. In der Ausbildung wird das leider nicht gelehrt – da verlässt man sich auf die Eigeninitiative der Lehrer. Damit Kinder Gleichungen als Sprache der Mathematik verstehen lernen, muss man sich auch viel Zeit für das „Übersetzen“ nehmen. Gleichungen werden meist viel zu schnell zu abstrakt unterrichtet, ohne dass Kinder verstehen, welchen Sinn das Rechnen mit Variablen macht. Dass in der 4. Klasse NMS der Anblick einer Variable Minderwertigkeitsgefühle hervorruft, sollte nicht passieren (ist aber leider sogar bei gut aufgebautem Unterricht aufgrund fehlender Zeit immer wieder der Fall).

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