Schulmobbing – Schuldzuweisung ist keine Ursachenbekämpfung

In einer Wiener HTL kommt es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen einem Lehrer und einem Schüler. Der Lehrer spuckt den Schüler an, Mitschüler*innen filmen die Szene und stellen sie ins Internet. Die Aufregung um diesen Zwischenfall ist groß, und das zurecht. Nun stehen die Konsequenzen für alle Beteiligten im Zentrum der Debatte. Entlassung, Suspendierung und Erziehungscamps werden von einzelnen Parteien gefordert. Diese Konsequenzen mag man nun im Einzelnen gut finden oder nicht, dass ein solcher Vorfall nicht ungestraft bleiben kann, steht außer Frage. Viel interessanter aber, und traurigerweise weit weniger diskutiert, sind hingegen die Ursachen, der Vorspann, das, was bisher geschah und was eine Situation dermaßen aus dem Ruder laufen hat lassen. Worauf ein Vorfall wie dieser uns aufmerksam machen und ins Gespräch bringen sollte, ist zu vielschichtig und komplex, als dass sich darauf mit: “Schulverweis” oder “Entlassung” antworten lassen könnte.

Wer ist hier der “Böse”? Das ist die erste Frage, die sich vielleicht stellt. Und bereits diese lässt sich nicht beantworten und wirft eine lange Kette neuer Fragen auf. Dieser Vorfall steht hier an der Spitze vieler, wenngleich nicht immer so dramatischer Szenen, die sich unter gewissen Umständen in Schulen ereignen können. Welche Perspektiven gilt es hier zu beachten, welche Fragen sollte man sich in einem solchen Fall wirklich stellen und warum sind “Suspendierung” oder “Entlassung” Antworten, die uns von essentiellen Fragen ablenken? Das hier ist ein Versuch, jede Perspektive einzunehmen, alle Beteiligten zu sehen und zu verstehen. Dabei soll Abstand genommen werden von Schuldzuweisungen. Es soll helfen zu begreifen und klar zu machen, dass nicht nur einer Handvoll Personen die Verantwortung an einem solchen Vorfall zuzuschreiben ist.

Die Lehrkraft

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein Lehrer. Eine erwachsene Person, jemand der als Vorbild dienen, junge Menschen anleiten und bestenfalls auch inspirieren sollte. Ein erwachsener Mann, der über den Streitigkeiten und Sticheleien von ein paar Halbwüchsigen stehen sollte, könnte man jetzt argumentieren. Soweit der Vordergrund, das gut Sichtbare und Einleuchtende. Wagen wir uns jetzt einen Schritt weiter und stellen uns die Frage: Was muss passiert sein, dass dieser erwachsene Mann sich offensichtlich derart in die Enge gedrängt fühlte, dass er letztendlich zu einer so hilflosen – und wohl in jeder sozialen Situation unpassenden – Reaktion in der Lage war? Was muss einem solchen Vorfall – der die Spitze des Eisberges darstellt – vorangegangen sein, wie lange muss sich die Situation zugespitzt haben, wie extrem müssen die Drangsalierungen der Schüler*innen gewesen sein, wie ausweglos die Situation? Und eine der zentralsten Fragen:

Wie alleine muss sich die Lehrkraft damit gefühlt haben, um nicht schon viel früher Hilfe einzufordern?

Beim Betrachten der Videos macht es den Anschein, als hätte der Lehrer sämtliche Schikanen ruhig über sich ergehen lassen, bis ihm schließlich der Kragen platzte. Nun könnte man aber auch fragen, wie fehlbesetzt jemand ist, in dessen Anwesenheit Situationen dermaßen aus dem Ruder laufen können. Warum ist das bislang niemandem aufgefallen? Und falls es, wie aus verschiedenen Medienberichten deutlich wird, doch aufgefallen ist, warum wurde dann nichts unternommen? Fehlte dafür die Dringlichkeit, die Motivation, die rechtliche Handhabe oder das Fingerspitzengefühl im richtigen Moment einzuschreiten?

Die Klasse

Ein Schüler ist die zweite sichtbare Partei im diskutierten Vorfall. Auch hier wird mehr als eine Grenze überschritten.

Jede Lehrkraft weiß, dass respektloses Verhalten gegenüber Lehrer*innen ein breites Spektrum aufweisen kann, an dessen oberen Ende zweifelsohne die körperliche Gewalt steht.

Aber Moment mal, hat nicht der Schüler mit dem Rempler gegen die Tafel lediglich auf seinen Lehrer reagiert, nachdem dieser ihm ins Gesicht gespuckt hatte? Eine nachvollziehbare Reaktion darauf, oder? Soweit wieder das Sichtbare, das auch hier eine Vielzahl von Interpretationen und Sichtweisen zulässt. Entscheidender sind jedoch sicherlich auch hier jene Faktoren, die derartiges Verhalten provoziert und zugelassen haben. Videos und Medienberichten zufolge haben Schüler dieser Klasse den Lehrer bereits davor massiv drangsaliert, beispielsweise mit Papierkugeln beschossen und mit einer Trillerpfeife ins Ohr gepfiffen. Es wird von gezieltem Mobbing gesprochen. Natürlicher Respekt und Empathie nicht nur vor einer Lehrperson, sondern schlicht und ergreifend vor anderen Menschen, fehlt hier gänzlich.

Doch wie kommt es so weit? Was hat die Beziehung zwischen diesem Lehrer und der Klasse dermaßen belastet, oder vielleicht gar nicht erst entstehen lassen? Ist dieses Verhalten pure Provokation, halbstarke Dummheit oder die Suche nach einer Grenze? Entsteht es proaktiv oder als Reaktion auf unpädagogisches Verhalten der Lehrkraft? Wäre es innerhalb einer stabilen und förderlichen Lehrer-Schüler-Bindung überhaupt denkbar?

Fakt ist, dass eine gefährliche Gruppendynamik entstanden ist, es wird gejubelt und angefeuert.  Die Tatsache, dass es von den Schikanen zahlreiche Videos gibt, legt sogar Vorsatz nahe. Es scheint wie eine Suche nach einer Reaktion, die aber lange ausbleibt und dann massiv ausfällt. Schließlich verbreiten die Schüler die Videos im Internet. Welche Erfahrungen mit diesem Lehrer, in der bisherigen Schullaufbahn, zu Hause und allgemein im Leben führen wohl zu derartiger Entgrenzung und Empathielosigkeit?

Soziale Medien

Schließlich werden dieses und weitere Videos in sozialen Medien verbreitet, hundertfach geteilt und kommentiert. Die Empörung über die dargestellten Szenen ist angebracht und notwendig, derartige Vorfälle sind schockierend und verurteilenswert. Dennoch wird man den Eindruck nicht los, dass hier die Sensationsgier über ein natürliches Gefühl sozialer Verantwortung siegt. Oft unverpixelt und kontextlos machen die Videos die Runde.

Jeder maßt sich nach wenigen Sekunden ein Urteil an und identifiziert vermeintlich Schuldige, Fall erledigt.

So einfach ist es nur leider nicht.

Das System

Begeben wir uns jetzt noch eine Ebene weiter und fragen, wie das System das Entstehen und Eskalieren derartiger Situationen begünstigt. Ein System, das immer noch davon ausgeht, dass es im Lehrberuf um rein inhaltliche Wissensvermittlung geht. Ein System, dass die Notwendigkeit von Konfliktprävention und Management in der Ausbildung von Lehrkräften nicht sieht. Ein System, dass keine Supervision für Lehrer*innen vorsieht und das bei qualifiziertem Unterstützungspersonal, wie Sozialarbeiter*innen oder Psycholog*innen, große Einsparungen macht. Ein System, dass Lehrpersonen, die offensichtlich für diesen Beruf ungeeignet, davon überfordert oder erschöpft sind, praktisch keine ansprechenden Möglichkeiten auf einen Ausstieg bietet. Ein System, das mehr Energie in die Konzeption von neuen Konsequenzen steckt als in die Prävention. Ein System, dass Schulleiter*innen kaum Handhabe bei Personalentscheidungen gibt.

Die wichtigen Fragen

Im vorliegenden Fall hat eine Vielzahl von Parteien unpassend, unmenschlich und falsch gehandelt und dafür muss es Konsequenzen geben. Die Öffentlichkeit ist empört.

Vielleicht sollten wir uns in Zukunft schon viel früher empören. Empören wir uns schon dann, wenn Lehrkräfte alleine gelassen, überfordert, nicht ausreichend unterstützt sind.

Empören wir uns schon bei den leisesten Anzeichen unpädagogischen Verhaltens.

Beenden wir die Diskussion an dieser Stelle nicht, sondern beginnen wir darüber zu sprechen, wie wir Situationen wie diese in Zukunft vermeiden können. Die Auswahl, Ausbildung und Begleitung von Lehrkräften muss mehr denn je ins Zentrum der Debatte gerückt werden. Lehrer*innen müssen in Deeskalationsmethoden und Gewaltprävention geschult werden um ihnen damit das nötige Werkzeug in die Hand zu geben, einen sicheren Lernraum für alle Schüler*innen zu schaffen. Der Wert von Beziehungsaufbau muss klar werden. Stellen wir die Verantwortung und die Vorbildfunktion, die wir Schüler*innen gegenüber haben, ins Zentrum unserer Überlegungen. Mit dem Finger auf Einzelne zeigen, die falsch gehandelt haben und “Schuld sind“, ist leicht. Dahinter zu schauen, daraus Schlüsse zu ziehen, notwendige Maßnahmen zu erkennen und auch zu setzen, kann unbequem und fordernd sein.

Doch allein durch die Konsequenzen für die Beteiligten eines Falles, wird die Schule nicht für alle Kinder besser oder wird verhindert, dass ähnliches auch in anderen Schulen und Klassen in Zukunft passiert.

Es ist Zeit für die Suche nach Ursprüngen und dem Nährboden dafür.  Ein bisschen pathetisch könnte man sich nämlich fragen, wie viele schockierende “Einzelfälle” es noch braucht, bis Einsicht herrscht, dass sie auch Symptom eines nicht an die Bedürfnisse der Beteiligten und der Zeit angepassten Systems sind.

Die Autorin ist Lehrerin an einer NMS in Wien.

 

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