Essen verbindet die Welt

Eine Woche Schulbuffet für die ganze Schule. Ein Projekt, das wir das dritte Mal gewagt haben. Drei Klassen, eine erste, eine zweite und eine vierte Klasse. Das so eingenommene Geld soll allen Kindern die Teilnahme an der Projektwoche ermöglichen. Unbürokratische Hilfe, um Eltern zu unterstützen, die eben nicht in der Lage sind die gesamten Kosten zu tragen.

Eine Woche lang stehen bis zu zwölf Mädchen und Jungen in der Küche. Sie schnippeln Gemüse, backen Palatschinken, belegen Brote und Pizzen und verkaufen in den Pausen. Zusätzlich haben wir Eltern gebeten uns mit Essbarem zu unterstützen.

Teilhaben bieten

Weil wir immer routinierter werden, haben wir uns für diese Woche ein Motto ausgesucht: Essen verbindet die Welt. Schon in der Woche davor haben wir Fahnen und Plakate gemalt. Haben die Kids gefragt, was denn typische Gerichte ihrer Heimat sind. Eltern haben uns Rezepte geschickt. Teilhabe, das ist es.

Jeden Morgen treffen wir einander im Werkraum. Es muss viel besprochen werden. Die Gruppen werden eingeteilt, weil eben nicht alle in der Küche arbeiten können. Aber wir bemühen uns auch den anderen Kids ein schönes Programm zu bieten. Bevor sich die Schüler*innen einen Platz im Werkraum suchen, legen die Mädchen und Jungen all das auf den Tisch, das ihre Eltern gespendet haben. „Ich habe heute nur Obst dabei“, erklärt mir ein Junge. Er stellt eine Tasche voll mit frischen Früchten auf den Tisch. „Nur Obst“, denke ich mir und staune. Pizza, Baklava, Brot, Aufstriche, Kuchen und Gemüse. Alles ist dabei. Und, wir nehmen alles. Völlig egal, ob nun selbst gebacken oder nicht.

Wir freuen uns über alles. Denn all das, was vor uns liegt, signalisiert Interesse an unserer Arbeit.

Und es geht los

Doch bevor wir ein Wort sagen können, beginnen die ersten Zwischenrufe.

„Darf ich heute in die Küche?“ „Können wir Gruppen tauschen?“ „Muss ich in die Küche?“ „Gehen wir in den Turnsaal?“ „Darf ich dann verkaufen?“ „A. war schon gestern in der Küche. Warum darf der heute wieder?“ „Ohne M. gehe ich nirgendwohin. Ich will nur mit ihr in der Gruppe sein.“

Es dauert einige Zeit bis es ein bisschen ruhiger wird.  Ich probe wieder einmal meine Lieblingsmethode. Jeder, der bereit ist zuzuhören, hebt die Hand. Das funktioniert in großen Gruppen richtig gut. Irgendwann haben alle die Hände oben und wir können starten.

Bis zur 10 Uhr Pause duftet es im ganzen Schulhaus umwerfend. Sucuk mit Ei und Milchreis werden heute die Hauptattraktionen sein. Als ich am Verkaufsstand vorbeikomme, wirft mich der Blick, mit dem die Kinder hinter den Tischen stehen, fast um. Stolz, Ernsthaftigkeit und Freude kann ich darin erkennen. Schaut her, heißt das. Das alles haben wir geschaffen.

Auch in den anderen Gruppen ist das Klima ganz besonders. Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters verbringen den Vormittag gemeinsam.

Kein Notendruck, keine Konkurrenz und das Gefühl, gemeinsam sein zu können, dominiert diese Tage.

Jeder Tag bringt so großartige, wunderbare Überraschungen. F. steht am Donnerstag mit einer selbstgebackenen Torte vor uns. Eine Torte, wie ich sie nie im Leben zustande bringen würde. Weiße Kokoscreme, drei Schichten Teig, Kokoskugeln in völlig regelmäßigen Abständen. Mich frisst der Neid und zugleich überkommt mich tiefe Bewunderung. F. ist eine von jenen Schüler*innen, denen nachgesagt wird, dass sie desinteressiert und dumm sind. Sich nur für ihr Äußeres interessieren. Ein anderer Junge steht zwei Stunden geduldig am Herd und bäckt Palatschinken. Einer von denen, die auch nicht den besten Ruf in der Schule haben. Und das obwohl er der Familienmanager ist. Schwester in den Kindergarten bringen, Mutter zum Arzt begleiten. Schnell noch für den Vater ein Telefonat erledigen um 10 Minuten vor acht. Ich könnte mich unter diesen Umständen auch nicht ausschließlich auf die Schule konzentrieren.

Bilanz

Am Freitag, dem letzten Tag dieses Projekts, ziehen wir Bilanz. Klar, wir sind müde und erschöpft. Unterrichtssituationen dieser Art verlangen viel Energie und viel Enthusiasmus. Dann braucht man natürlich ein gutes Nervenkostüm und jede Menge Ausdauer. Aber, und das steht über allem, es macht Sinn. Kinder und Jugendliche fühlen sich wertgeschätzt, ernst genommen und wichtig.

Eine Woche in dieser Art ist ein Pool für unsere Schüler*innen, aus dem sie lange schöpfen können.

Warum ich davon erzähle?

Weil diese Art des Arbeitens die Zukunft einer gemeinsamen Schule sein könnte. Einer Schule, die sich damit den Herausforderungen der Zukunft stellt. Eine Schule, die auf Kooperation statt auf Konkurrenz setzt. Eine Schule, die viel bewegen könnte.

Und was es noch zu sagen gibt

Die tatsächliche Organisation, also Einteilung der Gruppen, Einkaufen, Planen, das Verfassen sämtlicher Elternbriefe und vieles mehr, all das haben meine wunderbaren Kolleg*innen gestemmt. Organisation ist eben nicht meine Stärke. Ich habe in dieser Woche mit den Schüler*innen gespielt, einfach nur gespielt.

Die Autorin ist Lehrerin an einer NMS in Wien.

 

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