Aus-Bildung – ein Appell an die Lehrer*innen

Ja, ich weiß schon, plötzliche Fragen können einen aus dem Konzept bringen. Das beweist der Ö3-Mikromann regelmäßig und anschaulich. Man amüsiert sich köstlich über die scheinbare oder tatsächliche Beschränktheit seiner Mitbürger*innen, doch eine Frage könnten viele von uns ad hoc garantiert nicht beantworten:

Worin besteht der Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung?

Die kürzeste (und nicht unbedingt falsche) Antwort lautet natürlich: In drei Buchstaben.

Die große Verwirrung

Wenn man den Gedanken, der hinter der Frage steht, allerdings ernst nimmt, wird die Beantwortung derselben schon etwas schwieriger.

Der Begriff Ausbildung ist recht einfach zu erklären. Hierbei wird kaum jemand größere Probleme haben. Wenn man einen Beruf oder ein Ehrenamt ergreifen oder ein bestimmtes Hobby ausüben möchte und dafür spezielle Fertigkeiten benötigt, muss man sich diese im Zuge einer Ausbildung aneignen. So weit, so klar.

Und Bildung? Was um alles in der Welt ist das denn nun?

Sollte man sich bei der Definition dieses Begriffs schwertun, so hilft auf alle Fälle der Blick auf die Website des Bildungsministeriums, genauer gesagt des „Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung“. Sollte man meinen. Denn letzten Endes findet sich dort lediglich ein Konvolut an Zuständigkeiten, organisatorischen Informationen (die teilweise übrigens veraltet sind, sollte der bemitleidenswerte Webmaster jener Seite diesen Satz lesen) und ein wenig Selbstbeweihräucherung. Doch halt! Es gibt dort sogar einen eigenen Menüpunkt „Bildung“. Wohlan, frisch angeklickt! – Pech gehabt. Unter diesem findet man nur Links zu diversen Erlässen sowie wiederum viele weitere Unterseiten, die sich mit Schulorganisatorischem oder mit Ausbildungsfragen beschäftigen.

Ausbildung. Immer wieder Ausbildung.

Fast könnte man meinen, es bestände kein Unterschied zwischen den beiden eingangs genannten Begriffen. Zumindest ist auf dem offiziellen Auftritt des dafür zuständigen Ministeriums nichts darüber zu finden. Ganz im Gegenteil: Sie werden scheinbar beliebig ausgetauscht und in ganz verschiedenen Zusammenhängen recht missverständlich gebraucht. Was Bildung aber nun per definitionem ist, das sucht man auf all diesen Seiten vergeblich.

Meiner Meinung nach könnte man in jedem beliebigen Lehrerzimmer Österreichs die Frage nach der Unterscheidung der beiden Wörter stellen und würde auch hierbei nur äußerst vage Erklärungen bekommen. Uns ist also – so erschreckend das nun klingen mag – nicht klar, ob wir als Pädagog*innen die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen ausbilden oder bilden sollen. Oder beides? Aber wie können wir das professionell und geplant tun, wenn wir nicht einmal den Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung kennen?

Wie kann man Schi oder Snowboard fahren, wenn man den Unterschied nicht kennt und beides gleich angeht?

Wie kann man verletzungsfrei Rad oder Auto fahren, wenn man beides auf dieselbe Art und Weise tut?

Fragen über Fragen…

Ein Erklärungsversuch

Am prägnantesten zusammengefasst wurde die Bedeutung des Wortes Bildung meines Erachtens vom deutschen Pädagogen Georg Kerschensteiner, des Erfinders dessen, was heute in unseren Landen als Berufsschule bekannt ist. Er war der Meinung, dass neben einer beruflichen Ausbildung eben auch die Bildung zum sozial denkenden Wesen, zum Neugierigen, Lernen-Wollenden unabdingbar ist. Er war einer der Pioniere, wenn es darum ging, politische Bildung im Jugendalter zu ermöglichen, sich bewusst informierende, verantwortlich handelnde, denkende Staatsbürger*innen heranzubilden.

Sein gerne zitierter Satz, der diesen Terminus meines Erachtens nach am schönsten beschreibt, ist folgender:

„Bildung ist das, was zurückbleibt, wenn man das Gelernte wieder vergessen hat.“

Doch damit wird die Sache ja nicht einfacher, ganz im Gegenteil.

Das Problem in der Praxis

Da steht nun so ein armes Lehrerwürstchen vor einer Klasse prinzipiell wissbegieriger Kinder und kennt seinen Auftrag nur bedingt. Gut, der Lehrplan gibt mehr oder minder Nachvollziehbares vor, es herrschen diverse Unterrichtsprinzipien, die in die Stundenplanung einzufließen haben, quasi täglich ergehen neue Erlässe und Weisungen an die Schulen, Information wäre ja ausreichend vorhanden. Doch wie baut man all das in den Unterricht einer dritten Mittelschulklasse ein? Vor allem, da man ja eigentlich (zum Beispiel) die wörtliche Rede wiederholen müsste. Viele Kolleg*innen beginnen an diesem Punkt des Nachdenkens auf Nummer sicher zu gehen. Vorgefertigte Arbeitsmaterialien werden kopiert, die Übungsteile der Lehrbücher penibel von den Kindern ausgefüllt: Auftrag erledigt. Oder wie Exgouverneur Schwarzenegger es in einem seiner Filme einmal ausgedrückt hat: Object terminated.

Auf diese Art und Weise verbringen unzählige Kolleg*innen ihre Dienstzeit. Sie lassen jahrzehntelang Arbeitsblätter ausfüllen und korrigieren diese manchmal sogar. Wenn sie die Lehramtsprüfung für Bildnerische Erziehung haben, dann sind sie mitunter so keck und lassen manchmal die schwarz-weißen Illustrationen mit Buntstiften ausmalen. Aber mit nichts anderem! Vorschrift ist Vorschrift.

Und was tragen sie damit zur Bildung der Schüler*innen bei?

Was bleibt im Gedächtnis der Beschulten haften, wenn die Inhalte der Arbeitsblätter vergessen sind? (Ja, das sind sie garantiert irgendwann.)

Das Bild einer zutiefst unscheinbaren Lehrkraft, die lustlos Vorgekautes weiterreicht und den Sinn ihres Lebens nicht in ihrem beruflichen Tun, sondern vielleicht in einer Parallelexistenz außerhalb der Schule findet. Falls überhaupt irgendwo.

Ein schönes Vorbild für unsere Jugend.

Eine bescheidene Bitte

Darum folgt an dieser Stelle mein sehr persönlicher Appell an euch, liebe Lehrer*innen:

Geht in die Klassen als jemand, der ein Leben hat, der Interessen hat, der neugierig auf diese Welt und ihre Geheimnisse ist! Steckt die euch Anvertrauten mit eurer eigenen Freude an den Wundern eures Faches an, denn die gibt es – garantiert!

Und keine Ausreden: Die Lehrpläne lassen uns mehr als genug Spielraum dafür. Jede Minute in der Gegenwart eurer Schüler*innen ist eine Riesenchance, diese Welt zum Positiven zu beeinflussen.

Gehen wir es an!

Der Autor ist Lehrer an einer NMS in Niederösterreich.

 

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