Theater spielen – Ein Rezept für ganz viel Schüler*innen- und Lehrer*innenglück

Zutaten:

Jugendliche, Kinder und Lehrer*innen, die gerne Theaterspielen, jede Menge Idealismus, starke Nerven, Stifte und Papier, Handys, das geniale Konzept von Maike Plath, einen Raum, Mikros, eine Anlage, einen PC und Geduld.

Außerdem:

Eine Direktorin und Kolleg*innen, die Projekte dieser Art voll und ganz unterstützen.

Kolleg*innen, die damit leben können, wenn die Schüler*innen vormittags zwei Stunden Unterricht versäumen, weil die Endprobenphase angebrochen ist.

Zubereitungsdauer:

Zehn Monate

 

Weitere Inspirationen in der Schritt für Schritt Anleitung:

Schritt 1 oder das Konzept:

Ich hatte vor zwei Jahren die Chance im Zuge einer Fortbildung das theatrale Konzept von Maike Plath kennenzulernen. Dieses basiert auf dem theatralen Mischpult. Ein Set aus Karten, das theatrale Begriffe, wie zum Beispiel Fokus, Blick ins Publikum und viele andere, beinhaltet. Ein Konzept, dem die Idee zugrunde liegt, dass Schüler*innen sowohl zum Folgen als auch zum Führen ermächtigt werden sollen. Führen, in dem eine Gruppe von Schüler*innen mit Hilfe der Karten Regie führt. Folgen, weil eben die andere Hälfte der Schüler*innen den Regieanweisungen folgen muss. Das läuft nicht ohne Widersprüche ab, aber ebenfalls in diesem Konzept vorgesehen ist der ständige Austausch der beiden Gruppen

Schritt 2 oder Biographische Stückentwicklung:

„Wisst ihr was mich wirklich stört?“

„Keine Ahnung?“

„Jeder fragt immer, woher kommst du? Dabei könnte man mich so viel fragen.“

„Ja, voll. Zum Beispiel, liebst du jemanden?“

„Hast du viele Freunde?“

„Was für Musik hörst du gerne?“

„Stinken deine Socken?“

„Gehst du gerne in die Schule?“

„Bist du stolz auf dich?“

Ich hatte nie vor ein vorgegebenes Theaterstück mit den Schüler*innen zu spielen, davon bin ich abgekommen. Wenn ich will, dass die Kinder und Jugendlichen auf der Bühne zur Höchstform auflaufen, dann muss etwas her, das ganz nahe an ihrer Lebenswelt ist. Sehr schnell haben wir uns für das Thema Heimat und Herkunft entschieden. Es war mir ein Anliegen der Diversität meiner Theater-AG Rechnung zu tragen. Das Stück mit Titel, Woher kommst du?, haben die Schüler*innen selbst entwickelt. So ist die obige Textpassage ein Auszug aus vielen Stunden schreiben, Interviews führen und aus zwanglosem Plaudern. Aber alleine diese Passage hat mir vor Augen geführt, wie schnell wir selbst Menschen auf ihre Herkunft reduzieren.

Schritt 3 oder Nicht einmischen Frau L:

Es ist ganz still. Wir stehen im Kreis. Hoch konzentriert werfen die Schauspieler*innen sich Bälle zu. Immer in derselben Reihenfolge, die Werfer*innen darum bemüht, dass der Ball gefangen werden kann. Denn, die Verantwortung, dass der Ball nicht am Boden fällt liegt nun mal bei den Werfer*innen. Wieder und wieder haben wir das in allen Theaterproben geübt. Wer miteinander Theater spielen will, muss aufeinander achten. Irgendwann fällt der Ball doch. „Oida!“, ruft Milan. Hält sich aber sofort den Mund zu, schließlich war das sein Ball.

„Machen wir heure einen oder zwei Durchläufe?“ Durchlauf ist, wenn das ganze Theaterstück ohne Unterbrechung gespielt wird. Das ist vor allem für mich Schwerstarbeit. Einfach mal die Kids machen lassen, und nicht dazwischen quatschen.

„Jovana, du stehst falsch!“ Ich kann es nicht lassen. „Frau L… bitte, ohne Einmischung!“, erinnert mich Valerija. Stimmt.

Ich schreibe mit und staune über die Professionalität, die mich umgibt. Nie im Leben hätte ich mir vor zehn Monaten gedacht, dass wir tatsächlich ein ganzes Stück auf die Bühne bringen werden. Vielleicht hat auch der Umstand dazu beigetragen, dass ich alle Teilnehmer*innen und ihre Anliegen ernst genommen habe. Dass unsere Zusammentreffen von Anfang an Probe genannt wurden. Dass ich die Gruppe immer als Ensemble bezeichnet habe. Dass ich mit den Schüler*innen Theater gemacht habe um des Schauspielens willens, frei von pädagogischen Erwartungen.

Schritt 4 oder Endspurt:

Die Notenkonferenz ist vorbei. Alle genießen, dass der Druck der letzten Wochen weg ist. Die Stimmung in der Theatergruppe ist ausgelassen. Im Geheimen frage ich mich, ob noch irgendwer Lust zum Text lernen haben wird oder auf die zahlreichen Proben am Nachmittag, während die Freund*innen schon im Schwimmbad liegen. Die Sonne knallt vom Himmel, in meiner Wohnung hat es 33 Grad. Es ist Samstag.  Ein zartes Bing holt mich aus meiner Agonie. Sieben Nachrichten auf Whatsapp zeigt mein Handy an.

Bin gerade am Text lernen. Wie soll ich das genau sagen?

Frau L. ich kann meinen ganzen Text auswendig.

Können wir am Montag noch eine Probe einschieben?

Was sollen wir am Mittwoch anziehen?

Ich habe keine schwarze Hose!

Egal, ich borg dir.

Wie lange haben wir Zeit fürs Umziehen?

Ich staune. Kinder und Jugendliche lernen freiwillig, von sich aus. Weder gibt es Noten, noch andere Konsequenzen für nicht Erlerntes. Es gibt einen einzigen Antrieb. Zwölf Mädchen und Jungen wollen auf der Bühne glänzen.

Bei den Endproben werden mir Gänsehautmomente beschert. Und jedes Mal, wenn alles besonders gut läuft, ist die Freude der Kids nicht in Worte zu fassen. Klar, es gibt auch die anderen Momente.

Genau während der Generalprobe, entfacht sich ein Streit zwischen zwei Mädchen. „Wenn du noch einmal so schaust, dann!“ Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, hebt Valerija bedrohlich die Hände. „Weiter im Text!“, rufe ich.  Vor meinem inneren Auge ziehen Bilder vorbei, die mir nicht unbedingt Mut machen. Wird das morgen alles gut gehen?

Schritt 5 oder Premiere:

Im Theater ist es üblich, dass vor der Premiere kleine Geschenke, die Bezug zum Stück haben, überreicht werden. In einer Nachtschicht habe auf kleine Schokoladetafeln Herzen geklebt, die wie die Landesflaggen der Kids aussehen und für jeden einen Satz geschrieben, warum er oder sie in der Theatergruppe wichtig ist.

Die Schauspieler*innen sind in der mickrigen Künstlergarderobe und schminken sich gegenseitig. Auch jene Mädchen, die sich bei der Generalprobe noch einen Zickenkrieg auf der Bühne geliefert haben. Meine Profis haben natürlich auch Lockenstab und Glätteisen mit. „Frau L. der VIP-Bereich ist so geil“, schwärmt Marlene. Tausend Selfies werden gemacht. Strahlende Kinderaugen, und so viel Glück in diesem kleinen Kammerl. Die geballte Ladung an Selbstvertrauen wirft mich fast um.

Die Premiere ist großartig. Die Texte sprudeln aus den Schüler*innen heraus. Das meiste, das ich ihnen immer wieder gesagt habe, setzen sie um. Mit jeder Minute nimmt der Mut auf der Bühne zu. Riesenfreude, als der Schlussapplaus einsetzt.  Und jede Menge Schüler*innen- und Lehrer*innenglück erfüllt den Raum.

Die Autorin unterrichtet an einer NMS in Wien.

Buchtipp:

Maike Plath – Biografisches Theater in der Schule: Mit Jugendlichen inszenieren: Darstellendes Spiel in der Sekundarstufe (Beltz Verlag)

 

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