„Was willst du mal werden?“ – Module als Hilfe zur Entscheidungshilfe

An einer Mittelschule, soviel habe ich nach nur einem Jahr unterrichten bereits gelernt, ist die Frage „Was möchtest du später werden?“, immer drängender als in anderen Schultypen. Während sich die gleichaltrigen Kolleg*innen am Gymnasium häufig über ihre Berufswünsche noch wenig Gedanken machen müssen – oft weil ohnehin klar ist, dass sie bis zur Matura in der Schule bleiben werden – stellt sich die Frage für NMS-Schüler*innen danach, wie es weitergehen soll, allerspätestens in der 4. Klasse. Soll man eine weiterführende Schule besuchen? Oder doch lieber eine Lehre absolvieren? Und falls zweiteres: Wie soll man sich bitte für einen der über 200 (!) möglichen Lehrberufe entscheiden?

In unserer Schule im 22. Bezirk in Wien hat man sich für die Orientierungshilfe etwas Besonderes einfallen lassen. Ab der dritten Klassen haben unsere Schüler*innen nämlich die Möglichkeit, sich je nach Interesse und persönlichen Talenten in einem Fachgebiet zu vertiefen. Gewählt werden kann zwischen den Modulen „Gesundheit & Soziales“, „Technik“, „Tourismus“ und „Wirtschaft“.

In der 3. Klasse stehen die Ermittlung der persönlichen Talente und Interessen sowie die Vermittlung der vorhandenen Möglichkeiten im Vordergrund. So lernen die Schüler*innen im ersten Semester nicht nur die Möglichkeiten des österreichischen Schul-und Lehrlingswesens kennen, sondern durchlaufen auch einen 8-wöchigen Interessens- und Fähigkeitenparcours, in dem sie ihre handwerklichen, kommunikativen und fremdsprachlichen Fähigkeiten sowie ihren Team-Spirit und ihre körperliche und geistige Ausdauer testen. Im zweiten Semester lernen die Jugendlichen dann jeweils einen Monat lang die vier Module und die dazugehörigen Berufe durch praxisnahe Übungen und Lehrausgänge in verschiedene Schulen, Betriebe und auch Universitäten, näher kennen. Am Ende der 7. Schulstufe wählen die Kinder schließlich ein fixes Modul aus, innerhalb dessen sie in der 8. Schulstufe vertiefend jene Gegenstände besuchen, die für das gewählte Berufsfeld besonders wichtig sind. Großer Wert wird dabei auf einen praxisnahen Unterricht gelegt. So gründen die Schüler*innen im Modul Wirtschaft etwa ein eigenes (Übungs-)Unternehmen, während jene im Tourismusmodul einmal pro Woche in der Hertha-Firnberg Tourismusschule unterrichtet werden.

Die Module wurden inhaltlich so zusammengestellt, dass sie Bereiche abdecken, in denen es auch in Zukunft gute Berufschancen gibt. Außerdem wird den Jugendlichen durch die Kooperationen mit verschiedenen berufsbildenden mittleren und höheren Schulen der Übertritt in weiterführende Schulen wie HAKs, HTLs oder Tourismusschulen erleichtert.

Copyright: Modulare Mittelschule Aspern

Neben diesen praktischen Vorteilen, die das Modulsystem bietet, steht für mich aber im Vordergrund, wie positiv sich die Arbeit in den Modulen auf das Selbstbewusstsein der Schüler*innen auswirkt und wie sehr sie in den neuen Aufgaben aufgehen.

Kurz vorm letzten Schulschluss gab es an der Schule eine große Präsentation für alle Lehrer*innen, in deren Rahmen die Jugendlichen ihre Leistungen des vergangenen Jahres präsentieren konnten. Und es war wirklich schön zu sehen, wie Kinder, die sich sonst oft selbst häufig als „dumm“ bezeichnen, weil sie sich sehrwohl darüber bewusst sind, dass die NMS in unserer Gesellschaft oft als „Schule zweiter Klasse“ betrachtet wird, voller Stolz die Ergebnisse und Erkenntnisse des letzten Schuljahres präsentierten.

Und diese konnten sich definitiv sehen lassen! 

So führten uns die Schüler*innen aus dem Tourismus-Modul beispielsweise souverän in die ordnungsgemäße Kleiderordnung in der gehobenen Gastronomie ein und erzählten stolz über ihre Kochstunden an der Hertha-Firnberg Schule. Die Schüler*innen des Technik-Moduls beeindruckten nicht nur mit physikalischen Experimenten, sondern verzauberten auch mit selbstgebauten Miniatur-Räumen, die sie im Werkunterricht erarbeitet hatten. Die Mädels aus dem Modul „Gesundheit und Soziales“ präsentierten stolz ihre selbst designten Röcke aus dem Mode-Schwerpunkt und berichteten von ihren Erfahrungen im Sport-Studio, wo sich nicht alles nur um sportliche Aktivitäten, sondern vor allem auch um die Überwindung von körperlichen und mentalen Grenzen drehte. Das Wirtschaftsmodul schließlich erörterte nochmals im Detail, wie sie sozusagen von Null an mithilfe einer Business Model Canvas ihre eigene Junior Company entwickelt hatten, inklusive Geschäftsführung, Marketingabteilung und Controlling. Produkte der „Stressless“-Company gab es bei dieser Präsentation zwar leider keine mehr zu sehen, aber nur deshalb, weil wir diese (plus den dazugehörigen Werbespot) bereits das ganze Schuljahr über genießen konnten. Das Sortiment: selbst gebackene Kekse zu Weihnachten, Valentinstag und Ostern UND … Stressbälle. Perfekte Auswahl also, um den alltäglichen Schulwahnsinn erfolgreich zu meistern. 🙂

Die Autorin ist Lehrerin an einer NMS in Wien.

 

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