„Verlier‘ nie die Motivation am Lernen“ – eine Erfolgsgschicht im Poly

Ein Gastbeitrag aus einer Polytechnischen Schule

Nervösität, Ungewissheit und Aufregung – die Gefühle vor meinem ersten Tag als Lehrkraft an einer Polytechnischen Schule in Wien. Dort, wo angeblich niemand motiviert ist und die Schüler*innen, die es an keine weiterführende Schule geschafft haben, nur ihr letztes Pflichtschuljahr sinnlos absitzen bevor sie in die Arbeitslosigkeit gleiten. Dort, wo niemand etwas lernen will und es nur von gewalttätigen, verhaltensauffälligen Schüler*innen wimmelt. Dort, wo die Schüler*innen kaum Deutsch sprechen, die Eltern sich nicht für Bildung interessieren und man kaum unterrichten kann.

Genau dort habe ich die humorvollsten, sozialsten und dankbarsten Jugendlichen kennengelernt, die mein Bild vom „Poly“ vom ersten Tag an geprägt und mich unglaublich bereichert haben. Genau dort gehe ich jeden Tag aufs Neue gerne hin, weil die Arbeit mit diesen Jugendlichen einfach unglaublich viel Spaß macht.

Die Lehrer an meiner NMS haben mich gefragt, warum ich ans Poly gehe, obwohl ich so gute Noten habe“, erzählt mir Gizem, die ehrgeizig ihr Ziel verfolgt, eine Lehre als Bürokauffrau zu machen. Sie arbeitet motiviert an ihren Bewerbungsunterlagen und bleibt nach dem Unterricht länger, um mit Unterstützung Bewerbungsschreiben zu verfassen. Sie ist den Tränen nahe, als sie erfährt, dass sie nach ihrem ersten Bewerbungsgespräch eine Absage erhalten hat. „Wenn man von einer Firma eine Absage bekommt, hat man das Gefühl, dass einen niemand aufnehmen wird“, erzählt sie mir enttäuscht. Nach erster Enttäuschung, motiviert sie sich selbst nur noch mehr und sie schickt selbstständig um die 10 Bewerbungen pro Woche.

Mittwoch, einige Wochen später. Nach der ersten Unterrichtsstunde kommt Gizem auf einmal ganz entsetzt zu mir. „Ich hab‘ vergessen, dass ich heute einen Aufnahmetest habe.“ Nach kurzem Zweifeln und einem Telefonat mit ihrer Mutter, ob wir sie von der Schule entlassen dürfen, damit sie es noch rechtzeitig schafft, macht sich Gizem auf den Weg. Ein paar Stunden später drückt mir eine ihrer Freundinnen am Anfang einer Unterrichtsstunde plötzlich ihr Handy mit Gizem am anderen Ende der Leitung in die Hand. „Ich hab‘ die Lehrstelle bekommen.“

Natürlich sind nicht alle Schüler*innen so motiviert und ehrgeizig wie Gizem. Natürlich fehlt vielen Schüler*innen die Unterstützung und Motivation von zuhause. Natürlich wird der Weg für manche schwieriger als für andere. Aber in einem wertschätzenden Umfeld und mit gegenseitiger Unterstützung, lernen Schüler*innen an sich selbst zu glauben und ihre Ziele zu verfolgen. Nach einiger Zeit begannen auch die sonst fauleren und chaotischeren Schüler*innen selbstständig Bewerbungen zu schicken und sich um ihre Zukunft zu kümmern.

Schüler*innen wie Gizem schaffen es andere Schüler*innen mit ihrer Motivation und ihrem Durchhaltevermögen mitzureißen. Niemand will nach Abschluss der Pflichtschule planlos dastehen. Als ich die Klasse am Ende des Jahres bat, in einem kurzen Video einen Ratschlag an zukünftige Schüler*innen zu nennen, wurde mir nochmal bewusst, wie großartig diese Jugendlichen sind.

„Verlier‘ nie die Motivation am Lernen, weil dieses Zeugnis über deine Zukunft entscheidet.“

„Mach‘ immer das, was dir gefällt und hab immer Spaß daran.“

„Es gibt keinen Weg, wenn du kein Ziel hast.“

„Sei immer du selbst.“

„Glaub an dich, denn nur so werden deine Träume wahr werden.“

„Du kannst die Zukunft verändern mit dem, was du heute tust.“

Und es wirkt: „Ich habe gemerkt, dass sie sehr motiviert waren und das hat mich ebenfalls motiviert“, sagt mir eine meiner neuen Schüler*innen, nachdem sie die Ratschläge gehört hat.

Die Autorin ist Lehrerin an einer Polytechnischen Schule in Wien.

 

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